Ausgabe 03 - 2001 berliner stadtzeitung
scheinschlag

Diese Ausgabe

Inhaltsverzeichnis


Zur Homepage

Eskapismus im deutschen Film

Werden schlechte Drehbücher durch "unhippe” Drehorte aufgewertet?

Das Elend des deutschen Films ist schon so oft beschrieben worden. Da ist die Versuchung groß, mit ins Horn zu stoßen. Anlaß dazu gibt es. Im Forum der Filmfestspiele war ein Ausschnitt der Produktion der jungen Filmemacher zu besichtigen. Umwerfendes war nicht dabei, auffällig jedoch die Konzentration auf Berlin als Schauplatz. Vorrangig auf die "unhippen" Seiten der "schönen" Hauptstadt. Das suggeriert die Suche nach Wahrhaftigkeit und zeugt vom Abgenudeltsein der vorzeigbaren Gegenden. Trotzdem gerät der Filmfreund ins Grübeln. Warum das Fernsehen bisweilen bessere Filme zeigt als das Kino, warum Briten oder Franzosen Besseres zustande bringen. Und warum eben um Realismus bemühte deutsche Filme nicht richtig funktionieren. Drei Beispiele, zwei davon in Mitte spielend, seien hier erwähnt.

Dieser Tage kommt eine neue X-Filme-Produktion in die Kinos, "Heidi M". Und hier haben die Locationscouts eine uncoole neue Kulisse ausgemacht: die Rosenthaler Vorstadt, Blickrichtung Wedding. Der Film von Michael entstand größtenteils in einem leerstehenden Ladenlokal in der Strelitzer Straße. Große Namen wie Katrin Saß und Dominik Horwitz stehen auf der Besetzungsliste. Es geht um eine Betreiberin eines Spätkaufs, wie immer spröde gespielt von Katrin Saß. Nach der Wende hat sie sich völlig neu orientieren müssen, wurde geschieden und verabschiedet ihre Tochter für ein Jahr nach Australien. Sie ist also in ihrem Laden mit oder ohne Kunden. Eines Tages taucht ein Fremder – Franz (Dominik Horwitz)- dort auf, die beiden lernen sich kennen und später lieben. So weit so normal. Ein ost-westliches Verständigungsproblem zwischen den Partnern in spe wird angedeutet. Aber irgendwann eskaliert das Ganze, vielmehr die Dramaturgie versagt. Die Gesten und Gefühlsausbrüche werden zu groß oder sind gänzlich unmotiviert. Die guten Darsteller können diese offensichtlichen Schwächen nicht wett machen. Der Regisseur hängt nach eigenen Angaben noch der "neorealistischen Utopie an" und findet "das wirkliche Leben im Osten viel prägnanter..." (Presseheft). Das schlägt sich, im Gegensatz zu "Ostkreuz", im neuen Film kaum nieder. Am Ende wird Franz seinen Beruf als Flugzeugingenieur gegen Handlangertätigkeiten in einer Gärtnerei aufgeben. Realismus ist Wahrscheinlichkeit, so die sehr kurzgefaßte Gogolsche Definition. Und daran mangelt es dem "Heidi M.".

Ein anderer Film zeigt Realität pur, keinen Realismus. "Mein Stern" von Valeska Griesebach zeigt den Ferienalltag einer 14jährigen und deren Clique. Sie halten sich vorrangig in der Gegend zwischen Brunnen- und Invalidenstraße auf. Das Mädchen verliebt sich in einen gleichaltrigen Jungen, und die beiden versuchen ihre Vorstellung von Glück umzusetzen. Die Regisseurin hat sich jedoch scheinbar so von ihren Laiendarstellern faszinieren lassen, dass das eigentliche Anliegen, diese Liebesgeschichte zu erzählen, vor der Tristesse der Kulisse teilweise kapituliert. So lautet die Botschaft eher: Jugend in der Stadt ist, wenn man kein Geld hat, nicht sehr schön. Die andere Seite von Mitte (oder so ähnlich). Haften bleibt die Öde der Straßenzüge und die Leere auf manchen Gesichtern. Aber das ist hier jeden Tag live zu besichtigen.

"Der schöne Tag" von Thomas Arslan, der bereits zwei stimmige Filme über junge Deutschtürken, darunter "Geschwister" drehte, will auch ein anders Berlin zeigen. Er schickt sein Hauptdarstellerin auf Reisen durch die Stadt. Sein neues Werk bezieht sich dezidiert auf Eric Rohmer, dessen "Conte d´ Ete" zitiert wird. Was aber bei Rohmer schon unendlich langatmig sein kann, ist bei Arslan geradezu fade. Das liegt unter anderem an den entweder schlecht geführten oder überforderten Hauptdarstellern. Die Protagonistin Deniz fährt, ausgehend von Kreuzberg, einen ganzen langen Sommertag mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die Gegend und scheint sich ausgiebig zu langweilen. Das tut der Zuschauer ihr nach einiger Zeit gleich. Mehr Raum soll dieser Film nicht bekommen.

Aber was macht diese neuen Berlinfilme so belanglos, obwohl sie sich der "pulsierenden" Stadt von einer anderen Warte aus nähern wollen? Man könnte unterstellen, die Drehbuchautoren verkaufen die guten Sachen ans Fernsehen, und den "Abfall" bekommt die Off-Filmproduktion. An der Qualität der Schauspieler kann es nicht (nur) liegen. Eher ist zu vermuten, dass Drehbuchautoren sich doch besser in der Lebenssphäre von Radiomoderatoren oder Künstlern mit großen Altbauwohnungen auskennen, als in der von Spätkaufbetreiberinnen. Die Zeitschrift "Filmdienst" sprach von Eskapismus im deutschen Film. Vielleicht ist es das. Dann sollte man sich doch lieber wieder auf Charlottenburger Altbauwohnungen beschränken.
ib

© scheinschlag 2001
Inhalt dieser Ausgabe | Home | Aktuelle Ausgabe | Archiv | Sitemap | E-Mail

  Ausgabe 03 - 2001